Quelle: "Das Riesengebirge in Wort und Bild"

Auszug

Riesengebirgsfahrt

von Prof. Rudolf Müller - ReichenbachJohann Böhm.

Marschendorf

Durch ein mir von Herrn Piette freundlichst zur Verfügung gestelltes Gespann auf kürzestem Wege dahin befördert, fand ich eine äußerst malerisch, auf der linksseitigen Anhöhe gelegene Kirche altehrwürdigen Aussehens. Bis zum Vorraume aufgestiegen, bot sich ein überraschend schöner Ausblick auf die Höhenzüge des Forst- und Langenberges, wie auf das langgestreckte Aupathal, mit den eingestreuten, säuberlichen Wohnstätten der Marschendorfer.

Die Kirche, wie schon gewöhnlich in der Gegend, an Stelle der früheren aus Holz, um 1605 aus Stein erbaut, zeigt im Chor spätgotische Wölbung, indes das Schiff in eigenartiger Weise überbaut, mit umlaufenden Doppelemporen versehen wurde; die oberen sind von kurzen Steinsäulen getragen, welche auf der Gesimsung der im Rundbogen gewölbten unteren ruhen. - Diese Emporen- oder Gallerieeinbau datiert jedenfalls aus der Zeit, in welcher die Lutheraner Herren der Kirche waren - eine Herrschaft, die sie auch bis 1622 behaupten. Dass von der ehemalig katholischen, beweglichen Einrichtung auch hier keine nachweisbaren Reste übrig blieben, ergibt sich ganz besonders aus den in der Machtsphäre Georgs von Waldstein herrschenden, schroffen Gegensätze der Glaubensbekenntnisse.

Kaum fraglich ist darum der Ursprung des noch vorhandenen steinernen Taufbeckens. In gänzlich kunstloser Kelchform gehalten, trägt der Körper die Jahreszahl 1572; die Randfläche aber deckt ein Zinnkranz, in welchen der 14. Vers des 10. Capitels bei Marcus: "Lasset die Kindlein zu mir" eingeschnitten ist; dem über der Schlussstelle fein gravierten Wappen sind die Buchstaben M. W. V. T. und die Jahreszahl 1611 beigestellt. Damit ist der Hinweis gegeben, dass diese Zierung des Taufbeckens durch Michael Walter von Tirschfeldt - um 1611 Herren auf Marschendorf - beschaffen wurde.

Der jetzige, nach Wiederkatholisierung der Kirche errichtete Hochaltar, ein vorzügliches Schnitzwerk aus dem dritten Zehnt des 17. Jahrhunderts, besteht aus einem über der Mensa sich erhebenden, im Fünfeck gehaltenen Aufbau von Distelblattwerk (Akanthus) als Umrahmung der in lebensgroßen Figuren dargestellten Krönung Maria durch Gott Vater und Gott Sohn; die seitliche Auszweigungen tragen in mehreren Aufstufungen einzelne Heiligfiguren, das Ganze überragt in Gruppe St. Michael im Kampfe mit dem Satan. Das Rankenwerk ist vergoldet, die Figuren sind gut polychromiert.

Von den vorhandenen Gemälden erregte nur das kleine Altarbild in der Annenkapelle - St. Anna mit St. Maria zur Seite - meine Aufmerksamkeit. Es wurde von einem jungen, an der Prager Academie ausgebildeten Maler, namens Gustav Miksch, gebürtig aus Marschendorf, der Kirche gewidmet.

Im Übrigen bedarf nicht allein das Innere ähnlich würdiger Widmungen, sondern hauptsächlich und zunächst fordert das kläglich vernachlässigte Äußere auf zu einer der Würde des "Gotteshause" entsprechende Restaurierung.

Als ein Novum fand ich am Ausstiege zum Friedhofe einen überwölbten, mit der hohen Abschlussmauer verbundenen bei 5 m/ langen Durchgang, des Ansehens wie zur Vertheidigung des Kirchengefriedes. Auf Befragen wurde mir die Auskunft, es sei das ein alter Bau aus der Zeit des Streites um die Kirche und diene jetzt zum Einstellen der aus dem Sprengel herbeigebrachten Leichen vor dem Begraben.

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